Virüs, maske, kontrol, karantina, izolasyon, mutasyon. Kriz.

Eigentlich war ein anderes Thema an der Reihe, Pamukkale, die märchenhafte Baumwollburg, in den letzten Jahren zusammen mit den angrenzenden Ruinen der antiken Stadt Hierapolis Ziel von Millionen Touristen. Aber wer will im Moment schon Reisereportagen lesen, geschrieben von Weltenbummlern mit einem Reisepass in der Tasche, der alle Grenzen öffnete? Fühlt sich unpassend an in einer Zeit, die gerade geprägt ist von solchen global verstandenen Begrifflichkeiten wie koronavirüs, maske, karantina, kriz, mutasyon und noch ein paar mehr. Der folgende Text ist eine Momentaufnahme, sowieso keine Bilanz, und er wird sich stellenweise wie ein Notfallprotokoll lesen. Eine Momentaufnahme von Barrikaden, die gegen das Coronavirus errichtet werden. Von Grenzen, die geschlossen werden, und Menschen, die nicht mehr wie gewohnt zwischen der Türkei und Deutschland verkehren können, egal, mit welchem Visum, mit welchen Pass.

Gesichtsmaske, Izmir 2015

Die Türkei meldete am 11. März 2020 ihren ersten Corona-Fall, in Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt schon etwa 2.000. Einen Monat später sind es in Deutschland mehr als 100.000 gemeldete Fälle, in der Türkei mehr als 40.000, die meisten in Istanbul. Momentan verbreitet sich das koronavirüs (leicht zu verstehen auch auf Türkisch) in kaum einem anderen Land der Welt schneller als in der Türkei, die Zahl der Infizierten hat sich innerhalb der letzten Woche versiebenfacht.

Istanbul 2014

Der Hashtag #EvdeKal, BleibZuHause ist in der Türkei das Schlagwort zur Zeit. Es ist die Aufforderung für den Großteil der türkischen Gesellschaft, sich in freiwillige Quarantäne – karantina auf Türkisch – zu begeben. (Oder sich in eine nicht ganz freiwillige Isolation begeben zu müssen: Arbeitskräfte werden wegen fehlender Aufträge gerade in großer Zahl nach Hause geschickt. Autobauer wie VW, Ford, Toyota, Hyundai und andere haben ihre verlängerten Werkbänke in der Türkei erstmal außer Betrieb genommen.) Verordnete Ausgangssperren gelten seit einiger Zeit schon für über 65-jährige und chronisch kranke Menschen sowie seit Anfang April für alle Menschen unter 20. Sie alle dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. In 31 Städten dürfen bis auf dringende Ausnahmen keine Fahrzeuge mehr hinein- oder hinausfahren – nach der Einführung der Verordnung Grund für kilometerlange Staus vor den Toren Istanbuls. In Geschäften und Märkten muss verpflichtend ein Mundschutz – die Maske heißt auf Türkisch maske – gegen das Coronavirus getragen werden. An Stationen des von tausenden Menschen genutzten Istanbuler Metrobüs wurde begonnen, Thermalkameras zur zu installieren, um Passagiere mit Fieber identifizieren zu können.

Istanbul 2016

Auch wenn die türkische Regierung am 10. April kurzfristig eine 48-stündige komplette Ausgangssperre für 31 Städte verhängt hat, gibt es bisher keine umfassenden, längeren und weitreichenden Ausgangsbeschränkungen, wie in Ländern der EU und wie sie zum Beispiel vom Bürgermeister von Istanbul gefordert werden. Zunächst sollen vor allem Grenzschließungen sowie nationale und internationale Reisebeschränkungen das Virus im Land unter Kontrolle bringen – kontrol auf Türkisch. Am 14. März hatte das türkische Innenministerium die Grenze für Menschen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien, Belgien, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und Schweden geschlossen, am 19. März auch wieder die Grenzen zu Griechenland, die erst im Februar für geöffnet erklärt worden waren. Anfang April verlängert Turkish Airlines, die halbstaatliche Fluggesellschaft der Türkei, Member der Star Alliance und laut Eigenwerbung die „Airline, die die meisten Länder anfliegt“, ihren weitgehenden Flugstopp bis Mai, nur einige wenige Inlandsflüge werden noch bedient. Der zweitgrößte Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen ist schon seit 28. März 2020 geschlossen.

Istanbul 2012

„Turkey is welcoming Chinese visitors for the Lunar New Year holiday, with different regions and institutions making efforts to offer them a safe and pleasant stay.“
china.org, 26. Januar 2020

Wenn der Pamukkale-Artikel jemals geschrieben werden wird, dann wird er auch davon erzählen, wie in einem Örtchen am Ende der Welt eine überraschend große Zahl chinesischer Restaurants um Kundschaft warb: Pamukkale war, neben vor allem Istanbul und Kappadokien, ein Highlight für Reisegruppen aus China. Erst 2018 hatte das Jahr des türkischen Tourismus in China für die Sehenswürdigkeiten des Landes geworben, 2019 sich die Besucherzahlen daraufhin weiter erhöht. Auch für mehr als fünf Millionen deutsche Touristen war die Türkei 2019 wieder Reiseziel der Wahl, Tendenz steigend, die Beliebtheit davor nur kurz getrübt durch die politischen Entwicklungen. 2,7 Millionen davon kamen in den ersten sieben Monaten des Jahres ins Land.

Es wäre sicher zu früh, jetzt schon das Ausmaß der Krise (kriz auf Türkisch) zu umreißen, umfassende Bilanzen für die (türkische) Tourismusindustrie ziehen zu wollen – mindestens die ersten Monate dieses Jahres dürften von ihr verloren gegeben werden können. Der Tourismus auch in der Türkei wurde befeuert durch eine zunehmend wohlhabender werdende reiselustige chinesische Mittelschicht und viele westliche Erholungs- und Bildungstouristen – Touristen aus China oder auch sonst woher wird man erst langsam wieder begrüßen können. Eine wichtige Einnahmequelle des Landes ist zumindest vorübergehend versiegt. „Gefährlich abhängig“ schreibt der Spiegel vom 14. März 2020, seien viele Länder von Einnahmen aus dem Tourismus: 12,1% des türkischen Bruttoinlandsprodukts wurden zuletzt im Tourismussektor erwirtschaftet, Platz 10 im globalen Länderranking, hinter z. B. Italien z. B. mit 13,2%, Spanien 14,6%, Griechenland 20,6%.

Eskişehir 2018

„Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Spanien oder die Türkei deutsche Touristen nicht mehr einreisen lassen.“
Vorsitzender der Geschäftsführung der TUI Deutschland

Ein gewisses Überlegenheitsgefühl dürfte in einem solchen Zitat anklingen – wer hätte gedacht, dass ein Virus die Inhaber von alle Grenzen öffnenden Reisepässen weltweit stoppen würde? Bürger der Bundesrepublik Deutschland waren – neben denen von China, Iran, Südkorea und natürlich Italien – die ersten, denen der Zutritt in viele Länder verwehrt wurde. Wenn auch der TUI-Chef von einer Normalisierung schon ab Sommer ausgeht: Werden die reiselustigen Europäer, die eine reibungslose und bequeme Anreise weitgehend gewohnt sind, dann intensivere, genauere, auch demütigend empfundene Einreiseprozeduren erleben? Werden sie erleben, was es heißt abgewiesen zu werden? Diese Erfahrung würden sie dann teilen mit vielen Bürgern der Türkei, für die die aufwändige Beschaffung eines Visums für die EU, inklusive Nachweis einer Krankenversicherung, garantierten finanziellen Ressourcen, Auskünften zur persönlichen und familiären Situation Alltag sind, wenn sie nach Deutschland reisen möchten.

Istanbul 2015

„Wir raten allen Rückkehrwilligen, die zur Verfügung stehenden kommerziellen Angebote zu nutzen. Ein Rückholprogramm der Bundesregierung, wie auch aus den Medien bekannt, ist für die Türkei daher nicht vorgesehen.“
Mitteilung des Generalkonsulats in Istanbul, April 2020

So wie überall auf der Welt sind auch in der Türkei Reisende aus Deutschland gestrandet, haben Menschen, die in der Türkei leben und arbeiten, den Moment für eine Ausreise verpasst. Alle haben sicher nicht für möglich gehalten, dass eine Abreise nicht mehr wie bisher üblich möglich sein würde. Nach der Schließung der Grenzen für deutsche Staatsbürger am 14. März hatte die Türkei eine Woche später auch den Flugverkehr nach Deutschland eingestellt. Beide Regierungen und Fluggesellschaften verhandelten als Reaktion darauf Sonderflüge – in der Mitteilung des deutschen Generalkonsulats wird ausdrücklich nicht von einem Rückholprogramm, sondern von einem kommerziellen Angebot gesprochen. Anfang April gibt es also nochmal einige Flüge von Istanbul nach Köln-Bonn, es wird zudem von Ankara, Antalya und Izmir nach Düsseldorf geflogen. Wenn das Programm ein offizielles für deutsche Staatsbürger gewesen wäre – wären dann Menschen mit Türkeihintergrund und mit unbefristetem deutschem Aufenthaltstitel, aber ohne deutschen Pass, auch zurückgeholt worden? Diese Frage beschäftigte die Türkische Gemeinde in Deutschland. Selbst wenn nun deutsche Staatsangehörige nach Deutschland gelangen können – ihren Familienmitgliedern, Partnern, Freunden ohne deutschen Aufenthaltstitel bleibt das verwehrt: Es werden aktuell keine Visa ausgestellt. Wenn die momentane Situation der geschlossenen Grenzen anhält, wird eine gerade im Verhältnis von Türkei und Deutschland wichtige Frage zu klären sein, eine Frage, die viele ehemalige türkische Vertragsarbeiter und ihre Angehörigen umtreiben dürfte: Verliert man als Staatsbürger der Türkei mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis für Deutschland auch in diesen Zeiten seinen Aufenthaltstitel, wenn man mehr als 12 Monate außerhalb Deutschland lebt?

Ankara 2017

Umgekehrt ist auch der Weg von Deutschland in die Türkei momentan verbarrikadiert. Sunexpress, die gemeinsame Fluglinie von Lufthansa und Turkish Airlines, ist zwar momentan noch an punktuellen Sonderflügen zwischen beiden Ländern beteiligt, hat den Flugbetrieb aber bereits ab 21. März weitgehend eingestellt. Bis dahin war Sunexpress 200 mal in der Woche zwischen beiden Ländern unterwegs gewesen. „Ferienflieger“ nennt sich Sunexpress selbst, dabei sind die zwischen Deutschland und der Türkei verkehrenden Fluggesellschaften für Menschen mit Türkeihintergrund viel mehr: Familienflieger, eine wichtige Verbindung zwischen den Familien in beiden Heimaten: Wie und wann kommen diese Familien wieder zueinander?

Bis zum 17. März, Punkt Mitternacht, durften türkische Touristen und Studenten noch aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in die Türkei zurückkehren. Die ersten Rückkehrer konnten sich noch zuhause in eine freiwillige 14-tägige Isolation begeben – izolasyon auf Türkisch. Später wurden Rückkehrer zentral in Studentenwohnheimen unter Quarantäne gestellt. Für die, die es nicht rechtzeitig zurück schafften: Am 9. April erlässt das deutsche Bundesministerium eine Rechtsverordnung, die Inhabern eines in Kürze ablaufenden Schengen-Visums bis zum 30. Juni von der „Erfordernis eines Aufenthaltstitels befreit“. In Deutschland gestrandete Besitzer eines ablaufenden Visums werden also bis zu diesem Datum nicht zu „Illegalen“, nur weil sie wegen der weltweiten Corona-Situation nicht in ihre Länder zurückkehren können.

Istanbul 2017

Alles scheint offen zum Zeitpunkt dieser Momentaufnahme. Aber es gibt auch ein türkisches Wort für Optimismus. Und es ist nicht optimizm, sondern iyimserlik – endlich mal ein Wort, dass man als Deutschsprechender nicht sofort erkennt. Hadi iyimser olalım – lasst uns also optimistisch sein. Nicht das Wichtigste in diesen Zeiten, aber ein Gefühl von Normalität erzeugend: Die Flugtickets für den Türkischkurs in Izmir im Oktober sind gebucht, der Sprachkurs angezahlt. Natürlich werden die Notizen von Pamukkale-Besuch im Oktober 2019 aufbewahrt – wenn alles vorbei ist, wenn sich die Welt hoffentlich zum Besseren neu geordnet hat, wird Laytmotif über Pamukkale schreiben, die Baumwollburg, die die Natur erschaffen hat.