Namen sind Schall und Rauch. Oder Krieg und Frieden, Savaş ve Barış.

„Gestatten, Köhler mein Name.“ Ein solider deutscher Nachname, finden Sie nicht? Köhler heißt zum Beispiel fachlich ganz solide auch ein Fisch aus der Familie der Dorsche. Aber nur noch bei Fisch- und Angelexperten: Auf dem Teller kennt man den Köhler heute als Seelachs, absatzfördernd trickreich umbenannt von Fischmarketing-Managern – wer möchte schon Köhler Bordelaise oder Köhler mit Tomatenkruste essen?

Es bleibt kurz fischig: Der Nachname Fischer (den es als Balıkçı auch auf Türkisch gibt) ist nach Müller, Schmidt und Schneider auf Rang 4 der meistverbreiteten deutschen Nachnamen. Fischer ist wie Köhler (Rang 33) einer der vielen deutschen Familiennamen, die ursprünglich Berufsbezeichnungen waren. Natürlich benannten sich meine und eines früheren Bundespräsidenten Vorfahren nicht nach einer Dorschart – es muss unter ihnen mindestens einen gegeben haben, der der Köhlerei nachging, der Holzkohleherstellung, 2014 aufgenommen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland und eine der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit. Das weiß heute kaum einer mehr, und damit geht es dem Köhler wie vielen anderen auf alten Handwerken basierenden Nachnamen.

Lehmannn, ursprünglich der Besitzer eines landwirtschaftlichen Guts, Berlin-Schöneberg 2015

Lehmannn, ursprünglich der Besitzer eines landwirtschaftlichen Guts, Berlin-Schöneberg 2015

Seit dem 12. Jahrhundert haben sich Familiennamen im deutschen Sprachraum etabliert; sie bilden in großen Teilen ein altertümliches Berufepuzzle ab, 1875 ganz offiziell festgeschrieben mit der Einführung der Standesämter im Deutschen Reich. Die heutige Namensrangliste spiegelt die Popularität der Berufe zur Zeit der Namensvergabe: Müller (Rang 1, der in einer Mühle arbeitet), Schmidt (für Schmied), Schneider, Fischer, Weber, Meyer (der Meier, ein Gutsverwalter), Wagner (der Wagenmacher), Becker (der Bäcker), Schulz (eine Art Dorfrichter und eine Variante von Schultheiß, bekannt auch von der Berliner Biermarke) und Hoffmann (Rang 10, der Pächter eines Bauernhofes).

Unter den 20 populärsten türkischen Familiennamen findet sich keine einzige Berufsbezeichnung. Stattdessen ein vielsagendes Feuerwerk starker, auch im Alltag gebrauchter Begriffe: Yılmaz (Rang 1 = unbezwingbar), Kaya (Fels), Demir und Özdemir (demir = Eisen, eisern, öz = echt, rein), Şahin und Doğan (Bussard und Falke), Çelik (Stahl), Yıldız (Stern), Yıldırım und Şimşek (beides Blitz), Öztürk (öz = echt, rein, Türk = Türke), Aydın (hell, klar, gebildet), Arslan und Aslan (jeweils Löwe), Kılıç (Schwert), Kara (schwarz und Land bzw. Festland), Koç (Widder), Kurt (Wolf) und Özkan (kan = Blut).

Arslan, der Löwe, Berlin-Schöneberg 2015

Arslan, der Löwe, Berlin-Schöneberg 2015

Diese und alle anderen offiziellen türkischen Nachnamen sind relativ jung, es gibt sie es erst seit 1934, seit der vom Gründer der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk angeordneten Nachnamensreform. Familiennamen nach westlichem Vorbild hatte es im Osmanischen Reich nicht gegeben und auch nicht in der jungen, 1923 gegründeten Türkischen Republik. Bis 1936 hatte nun laut Familiennamensgesetz jeder türkische Staatsbürger einen Nachnamen anzunehmen. Die Nachnamensreform war einerseits eine der Maßnahmen Atatürks zur Umgestaltung und Ordnung der Türkei nach europäischem Vorbild, sie diente andererseits auch der nationalen Abgrenzung, der Stärkung der Idee einer türkischen Nation: Als Familiennamen erlaubt waren türkische Begriffe; ausländische Namen bzw. solche mit überdeutlichen Anklängen an nichttürkische Kulturen, Nationen, Stämme oder Religionen nicht.

Savaş, Krieg, oder in der Steigerung Özsavaş, der reine, echte Krieg: Widerstand im Ersten Weltkrieg, Befreiungskrieg danach, Stärke, Selbstvergewisserung einer jungen türkischen Nation ließen viele Türken ohnehin ganz patriotische Namen wählen. Öz kann zwar als Familienname auch allein stehen, eine stärkere Botschaft senden aber natürlich Özkan, das reine Blut, oder Özdoğan, rein geboren, oder – an Klarheit kaum zu übertreffen – Öztürk, der echte, reine Türke.

Öztürkler, die reinen Türken, İstanbul, Taksim, 2014

Öztürkler, die reinen Türken, İstanbul, Taksim, 2014

Türk gibt es in vielen Namenskombinationen: Aktürk, heller Türke, Baştürk, Kopf der Türken, Ertürk, tapferer Türke, Göktürk, himmlischer Türke, Şentürk, fröhlicher Türke – oder einfach: Türk. Weil die selbstbestimmte Entscheidung für Namen so relativ jung ist, weiß man auch heute noch um die Motivation für die Wahl bestimmter Namen: Gerade die Türk-Namen sollen häufig von ihren Trägern gewählt worden sein, um ein Statement für die türkische Nation abzugeben – auch wenn man nicht im türkischen Kernland geboren wurde, zum Beispiel zu den vom Balkan eingewanderten Einwohnern des Osmanischen Reichs gehörte und/oder nicht aktiv an den Befreiungskriegen vor der Republikgründung teilgenommen hatte.

Atatürk – Vater der Türken – ist eine Ausnahme, einmalig, natürlich, und kommt als Familienname genau einmal vor: Als Nachname und genau genommen Ehrentitel des kinderlosen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Die Große Nationalversammlung der Türkei verlieh Mustafa Kemal per Gesetz den Namen Atatürk, er war nicht übertragbar auf seine Adoptivkinder.

Güloğlu, Sohn der Rose, Berlin-Schöneberg 2015

Güloğlu, Sohn der Rose, Berlin-Schöneberg 2015

Herr König, Frau Graf, Fräulein Kaiser, Familie Herzog, Herr Prinz: Während die deutsche Namenswelt voller Adel ist, verbietet das Familiennamensgesetz der Türkei Titel aus dem osmanischen Herrschaftssystem als Familiennamen: Wesir, Emir, Schah – und wie sie alle heißen – kommen nicht vor. Sultan – wenn auch als weiblicher Vorname möglich – ebenfalls nicht: Allen Mitgliedern der osmanischen Sultansfamilie wurde per Gesetz der Name Osmanoğlu verordnet, Sohn des Osman. Auf Deutschland erstreckt sich die türkische Namensgesetzgebung nicht: Hier tragen ca. 600 Personen den Nachnamen Sultan, er ist damit der 11.638-häufigste Familienname in Deutschland.
Vor der Namensreform bereits gebrauchte Familiennamen ohne türkische Bestandteile, z. B. in den griechischen und armenischen Bevölkerungsteilen, erhielten z. T. die Endung -oğlu (= Sohn des…): Terziyan wird zu Terzioğlu, Kazantzidis zu Kazantzoğlu. Papazoğlu (Sohn des Pfarrers) deutet auf einen Nachnamen für eine christliche Familie hin.

Arapoğlu, Sohn des Arabers, İzmir 2014

Arapoğlu, Sohn des Arabers, İzmir 2014

Wenn wir in Deutschland Familiennamen heute wählen könnten, würde wir nicht auch kreativer sein wollen? Zumindest, wenn wir solche Namen wie Müller, Meyer, Lehmann tragen, oder solche eigenartig gesichtslosen wie Unbenannt und Niemand? Wenn wir nicht zu den vergleichsweise wenigen gehörten, die solche klangvollen Namen ihr eigen nennen wie Schön und Stark, Lenz und Maiwald, Paris und London, Treu und Ehrlich, die es in Deutschland ja doch auch noch gibt?
Übersetzte türkische Nachnamen hingegen können ungleich häufiger Freude bereiten: Deligöz, verrücktes Auge, Deliveli, wahnsinniger Erziehungsberechtigter, Karaböçek, schwarzer Käfer, Ceylan, Gazelle (auch ein Vorname), Tazegül, frische Rose, Açıkgöz, listig, Öğüt, Ratschlag, Uzundağ, weiter Berg, Aydoğdu, mondgeboren. Ob Kılıçkaya, Säbelfelsen, Taşdemir, Eisenerz, und Tuncer, hart wie Bronze, wohl in diese Kategorie oder eher zur Kategorie „Patriotismus“ gehören?

Açıkgöz, listig, Berlin-Schöneberg 2015

Açıkgöz, listig, Berlin-Schöneberg 2015

Fethi Abidin Cümbüş nannte sich wie das Instrument, dass er in den 1920ern, 30ern erfand – das Instrument bekam aber vorher seinen Namen von Atatürk höchstselbst: Cümbüş bedeutet u. a. Vergnügen und Spektakel. Und Mayatepek? Wie türkisch ist dieser Nachname eigentlich? Der Diplomat und Wissenschaftler Tahsin Mayatepek wählte seinen Namen ebenfalls nach seinem Arbeitsgebiet: Er suchte – im Auftrag von Atatürk – nach einer möglichen Verbindung zwischen Maya- und türkischer Kultur und Sprache. Durch seine Nähe zum türkischen Wort tepe, Berg, sollte das Maya-Wort tepek auf diese Verbindung hinweisen – Mayatepek ist insofern ein urtürkischer Name…

Natürlich gibt es auch Namen, die darauf hindeuten, dass die große Chance für ein wenig Patriotismus, Selbstvergewisserung, Poesie oder Romantik ungenutzt verstrich: Aus Ideenlosigkeit, Zeitmangel, selbst zu wählen, selbstbewusster Ignoranz, oder weil amtliche Personen als Namensvergeber zum Zuge kamen. Berufenamen gibt es im Türkischen nämlich auch: Den schon genannten Balıkçı, Fischer, und Demirci, Schmied, Çiftçi, Bauer, Kalaycı, Verzinner (häufig in Sinti- und Roma-Familien), Balcı, Imker, Çiçekçi, Blumenhändler, Kağıtçı, Schreibwarenhändler.
Und ja, auch Köhler gibt es, als den türkischen Familiennamen Kömürcü. Anders als in Deutschland ist Kömürcü allerdings nicht nur ein Name, sondern auch ein sehr gegenwärtiger Beruf, der in einigen Regionen auch noch von Kindern ausgeübt wird. [Fotoserie Kömürcü Çocukları / Köhlerkinder von Orhan Alkaya]

Kılıçoğlu, Sohn des Schwerts, Baklavaci, ein Baklava-Bäcker in Berlin-Kreuzberg 2015

Kılıçoğlu, Sohn des Schwerts, Baklavaci, ein Baklava-Bäcker in Berlin-Kreuzberg 2015

Migration, Globalisierung, veränderte Arbeitswelten, das Internet: Helvacıoğlu (= Sohn des Türkischen-Honig-Machers), kann heute der Nachname eines renommierten türkischen Komponisten elektronischer Musik sein, Özsavaş (= der reine Krieg), der Name einer deutschen Angestellten. Aussprache und Schreibweise verändern sich bei der Migration in andere Sprachräume und Computertastaturen: Erdoğan (mutig geboren, sprich: Erdooan) wird in Deutschland zu Erdogan, Özsavaş (sprich: Ös/savasch) wird zu Özsavas (gesprochen Ötzsavass). Dass dabei das Wissen um die eigentliche Bedeutung der Worte verloren geht, ist sicher nicht immer bedauerlich.

Das, was von der Schreibung türkischer Namen mit den Buchstaben des deutschen Alphabets übrig bleibt, ist immer noch erkennbar genug, ihre Trägerinnen und Träger in Deutschland als türkeistämmig zu „klassifizieren“. Selbst in Deutschland geborene und aufgewachsene Generationen von Familien mit Migrationshintergrund werden über ihre Namen als „Ausländer“ benachteiligt, zum Beispiel bei Bewerbungen für bestimmte Arbeitsstellen und bei der Wohnungssuche in bestimmten Stadtteilen. In Berlin-Kreuzberg gibt es Häuser, auf deren Klingelschildern fast ausnahmslos türkische Namen stehen – und es gibt dort wieder mehr Häuser, wo es entweder keinen einzigen türkischen Namen gibt oder nur in enger Kombination mit einem deutschen Namen. Dort haben Hausbesitzer entweder von Beginn an nicht an „Ausländer“ vermietet, oder es wurden – nachdem die Wohnlagen nach der Wiedervereinigung wieder attraktiv wurden – türkischstämmige Altmieter verdrängt.

Ergün, früher Tag, Berlin-Schöneberg 2015

Ergün, früher Tag, Berlin-Schöneberg 2015

„Name ist Schall und Rauch“* sagte Goethes Faust, und meinte damit, dass nicht die eine Bezeichnung, der eine Name für das Ganze stehen, nicht Grundlage für die Bewertung des Ganzen sein solle. Studien belegen, dass in Deutschland die Angabe eines türkischen Namens bei Bewerbungen die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent senkt, in kleineren Unternehmen sogar bis um 24 Prozent. Große deutsche Unternehmen, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und andere öffentliche Einrichtungen testen deshalb gegenwärtig in Pilotprojekten komplett anonymisierte Bewerbungsverfahren, um Benachteiligungen aufgrund von Alter, Herkunft und Geschlecht zu beseitigen. [Mehr auf antidiskriminierungsstelle.de] Kritische Gegenstimmen bleiben nicht aus, z. B. auf faz.net.

Topaloğlu, Sohn des Hinkenden, London-Shoreditch 2014

Topaloğlu, Sohn des Hinkenden, London-Shoreditch 2014

Sind Namen also Schall und Rauch? Sie sind es nicht, und sie sind es: Der Nachname Schall ist der 1 550. häufigste Familienname in Deutschland, Rauch der 321-häufigste.
Krieg und Frieden, Savaş und Barış, sind beides türkische Familiennamen – und türkische Vornamen. Wie es in der Türkei Zwillinge gibt, bei denen einer Krieg und einer Frieden heißt, gibt es natürlich Menschen, die Barış Şavaş heißen, und solche mit dem Namen Savaş Barış.

PS: Begriffe, die in den 1930ern plausible Nachnamen abgaben, können heute dann auch mal missverständlich sein:
Azgın, zügellos, unbändig – und ja, heute bedeutet das auch geil – ist so einer. Für Türkischkenner mehr von diesen Namen hier.

* „Nenn es dann, wie du willst: // Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott! // Ich habe keinen Namen // Dafür! // Gefühl ist alles; // Name ist Schall und Rauch, // Umnebelnd Himmelsglut.“
„Ne istersen de adına, // İster mutluluk! İster kalp! Sevgi! Tanrı! // Ben bilmiyorum adını // Bunun! // Duygu her şey; // Ad dediğin dumanla yankı, // Göksel akkoru boğan.“
Johann Wolfgang Goethe: Faust I

Quellen:
Anonyme Bewerbungen (faz.net, 02.02.2015)
Anonymisierte Bewerbungen: Das Pilotprojekt (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Stand 11.3.2015)
Cümbüş means fun (rootsworld.com, Stand 11.3.2015)
Deutsche Familiennamen (Wikipedia, Stand 9.3.2015)
En Çok Kullanılan Soyad İstatistiği (Statistik der häufigsten türkischen Nachnamen) (nvi.gov.tr, Stand 11.3.2015)
Familienname: Osmanisches Reich bzw. Türkei (Wikipedia, Stand 27.1.2015)
Familiennamendatenbank Deutschland (nachname.gofeminin.de, Stand 11.3.2015)
Familiennamensgesetz Türkei (Wikipedia, Stand 21.2.2015)
Klaus Kreiser: Atatürk. Eine Biographie (C. H. Beck, 2014)
Köhler (Fisch) (Wikipedia, Stand 9.1.2015)
Liste der häufigsten Familiennamen in Deutschland (Wikipedia, Stand 1.3.2015)
Mustafa Kemal Atatürk (Wikipedia, Stand 9.3.2015)
Osmanoğlu family (Wikipedia, Stand 10.3.2015)
Surname Law (Wikipedia, Stand 7.3.2015)
Tahsin Mayatepek (Wikipedia, Stand 8.12.2011)
Das türkische Alphabet, Lautschrift (grammatiken.de, Stand 11.3.2015)
Türkische Familiennamen (Wikipedia, Stand 24.1.2015)