1916: Eichenlaub für den osmanischen Kriegsminister. Und der Kaiser trägt eine türkische Uniform.

1914 – 1923: 10 Jahre vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der Türkischen Republik

1914 | 1915 Teil 3: 1916 | 1917

1916 wird die Mitropa gegründet, die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft, für Millionen Ostdeutsche bis zum Ende der DDR 1989 Inbegriff der Zuggastronomie. Und was hat das mit der Gründung der Türkei zu tun, die am Ende dieser Artikelserie stehen wird? Die Mitropa wurde gegründet, um den seit Januar 1916 verkehrenden Balkanzug zu betreiben: Der Nachfolger des berühmten Orient-Express’ fuhr von Berlin nach Konstantinopel, von Deutschland über Österreich-Ungarn und Bulgarien ins Osmanische Reich. Der Zug verband im I. Weltkrieg also die vier Länder, die als sogenannte Mittelmächte Kriegsverbündete waren und damit Gegner von Großbritannien, Frankreich und Russland. Eine besondere „Waffenbrüderschaft“ verband seit Jahren das Deutsche und das Osmanische Reich; sie gipfelte in den gemeinsamen Schlachten des I. Weltkriegs – geschlagen natürlich vor allem zur Durchsetzung eigener, nicht gemeinsamer, deutscher und osmanisch-türkischer Nationalinteressen.

Ausstellung im Künstlerhaus Wien: Bildnisse und Skizzen aus der Türkei im Weltkrieg von Wilhelm Victor Krausz, 1916 © Library of Congress, Prints & Photographs Division, WWI Posters [LC-USZC4-12696]

Ausstellung im Künstlerhaus Wien: Bildnisse und Skizzen aus der Türkei im Weltkrieg von Wilhelm Victor Krausz, 1916
© Library of Congress, Prints & Photographs Division, WWI Posters [LC-USZC4-12696]

Die Kriegsverbündeten Osmanisches und Deutsches Reich verleihen sich gegenseitig Orden: Nach der Harp Madalyası für Kaiser Wilhelm II. und dem Pour le Mérite, der militärischen Tapferkeitsauszeichnung der Preußen, für Enver Pascha 1915, bekommt Letzterer 1916 auch noch das Eichenlaub zum Orden. Enver Pascha ist Anhänger des Turanismus, einer Variante des türkischen Nationalismus, und osmanischer Kriegsminister – neben Innenminister und späterem Großwesir Talat Pascha Schlüsselfigur in der jungtürkischen Regierung, der mit Mehmet V. pro forma ein machtloser Repräsentativsultan vorstand. Der I. Weltkrieg geht 1916 in sein drittes Jahr; am 5. September 1916 kündigt das Osmanische Reich u. a. den Vertrag von Paris von 1856, den Berliner Vertrag von 1878 und die Deklaration von London von 1871 auf, Verträge, die mit Verpflichtungen anderen Staaten gegenüber einhergehen.

Das noch immer riesige Osmanische Reich ist – zusammen mit dem Deutschen – an allen Ecken und Enden in Schlachten verwickelt. Anfang 1916 endet die über Monate dauernde Schlacht von Gallipoli, Çanakkale Savaşı, mit einem Sieg für das osmanische Heer und der Vertreibung der Briten. Die deutsch-osmanische „Waffenbrüderschaft“ war hier vorübergehend siegreich: Während allerdings der deutsche Oberbefehlshaber der in der Schlacht kämpfenden 5. Osmanischen Armee, Liman von Sanders, kaum öffentliche Beachtung erfuhr, legte Mustafa Kemal, später Atatürk, in Çanakkale den Grundstein für seine spätere Verehrung als Volksheld und Präsident der Türkei. Kemal wird in der Folge der Schlacht 1916 zum Tuğgeneral befördert, dem fünftwichtigsten Generalsrang.

Enver Pascha besucht 1916 zusammen mit Cemal Pascha den Felsendom in Jerusalem, bis 1917 Teil des Osmanischen Reichs © Library of Congress, Prints & Photographs Division, [LC-DIG-matpc-11599]

Enver Pascha besucht 1916 zusammen mit Cemal Pascha den Felsendom in Jerusalem, bis 1917 Teil des Osmanischen Reichs © Library of Congress, Prints & Photographs Division, [LC-DIG-matpc-11599]

In Bagdad, 3.300 Kilometer von Berlin und 1.600 von Istanbul entfernt, stirbt am 19. April 1916 der preußische Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz an Typhus. Goltz, nach dem eine Goltzstraße in Berlin benannt ist, wird im Juni 1916 nach Konstantinopel überführt und auf dem Soldatenfriedhof im Garten der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya am Bosporus beigesetzt werden. Mesopotamien, das Zweistromland, Bagdad, Mossul, auch Palmyra und Diyarbakır: Namen, die einerseits an die erste Hochkultur der Menschheit erinnern, andererseits bis heute, und gerade heute, an Krieg, Vertreibung, Tod. 1916 – seit 1914 schon und noch bis 1918 – kämpfte an der sogenannten Mesopotamien-Front Großbritannien gegen das Osmanische Reich, letzteres wieder unterstützt vom deutschen Militär: Goltz war seit 1915 Oberbefehlshaber der 6. Osmanischen Armee, die in Persien kämpfte. Auch wenn diese Front Nebenschauplatz des I. Weltkriegs genannt wird, ging es den Kriegsgegnern nicht um marginale Gewinne. Das Osmanische Reich kämpfte um Gebiete, die es im 16. Jahrhundert erobert hatte; das British Empire erkannte nicht nur die strategische Bedeutung der Region, sondern v. a. den Wert der dortigen Vorkommen an Öl, dem (künftigen) Treibstoff von Kriegsflotten und kolonialen Ökonomien. In dem im Frühjahr 1916 beschlossenen geheimen Sykes-Picot-Abkommen teilten Frankreich und Großbritannien die Region für die Zeit nach dem Krieg unter sich auf, obwohl den verbündeten arabischen Bewohnern der Region vorher Unabhängigkeit versprochen worden war. Die Namen der Städte in diesen beiden Einflusssphären decken sich mit denen heutiger Konfliktherde: Kirkuk, Mossul, Bagdad, Damaskus, Aleppo, Beirut, Jerusalem, Basra u. a. Und die damals vereinbarte französische Einflusssphäre weist weit bis nach Anatolien hinein, umfasst z. B. heute in der Türkei liegende Städte wie Adana, Sivas und Diyarbakır.

Karikatur von 1916: Der Preuße von der Goltz wird von einem russischen Soldaten in Erzurum aufgehalten. Erzurum, heute Türkei, wird 1916 von den Briten eingenommen. © Zeichnung: Louis Raemaekers

Karikatur von 1916: Der Preuße von der Goltz wird von einem russischen Soldaten in Erzurum aufgehalten. Erzurum, heute Türkei, wird 1916 von den Briten eingenommen. © Zeichnung: Louis Raemaekers

Die Bagdad-Bahn führt, von Konya in der heutigen Türkei kommend, direkt durch diese Gebiete. Das bedeutendste Infrastruktur-Projekt seiner Zeit wird für das Osmanische Reich mit deutscher Finanzierung, zum Beispiel durch die Deutsche Bank, und unter deutscher Federführung, u. a. von Siemens und Philipp Holzmann, realisiert. Anders als der Balkan-Zug, gedacht für den luxuriösen Personenverkehr zwischen Berlin und Konstantinopel, ist die Bagdad-Bahn militärisch wichtig, ermöglicht dem Deutschen Reich Zugang zu neuen Einflusssphären und den Transport kriegswichtiger Güter. Und sie spielt bis 1916 eine entscheidende Rolle bei der Deportation armenischer Bewohner des Osmanischen Reichs. 100 Jahre später, 2016, thematisiert eine Resolution des deutschen Bundestags auch die „unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, … als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reichs“ bei der Verfolgung der Armenier durch die Regierung des Osmanischen Reichs. Der Preuße von der Goltz wird übrigens in verschiedenen Veröffentlichungen als Vordenker – schon ab 1900 – und Unterstützer der Deportation von Armeniern genannt.

Vor Ort in Deutschland wird währenddessen propagandistisch an der Beeinflussung des Kriegsverlaufs gearbeitet. Die 1914 gegründete Nachrichtenstelle für den Orient gibt seit 1916 die Zeitschrift Die islamische Welt heraus, veröffentlicht eine „Orientausgabe“ des Bildbands Der Große Krieg in Bildern auf Türkisch, Arabisch, Persisch und Urdu und gründet die Zeitschrift Der Neue Orient – alles im Sinne der Beeinflussung muslimischer Bevölkerungsteile in den Gebieten der Kriegsgegner Großbritannien, Frankreich und Russland.

In der Deutsch-Türkischen Vereinigung (DTV) zur Förderung deutscher Interessen im Osmanischen Reich werden 1916 die Direktoren von Deutscher und Dresdner Bank, neben anderen, Vorsitzende. Die DTV vergibt laut ihrer Satzung zum Beispiel „Stipendien und Schulgeldnachlasse für unbemittelte mohammedanische Schüler“, auf ihre Initiative treffen ab 1916/17 viele türkische Schüler an Gymnasien und Lehrlinge zur Ausbildung in Deutschland ein. Ein von der DTV entwickelter Leitfaden für Gasteltern bittet, die Schüler nicht religiös zu beeinflussen. Und ein ganz besonderes DTV-Projekt wird konkreter: Für das Dostluk Yurdu, das Haus der Freundschaft (der deutsch-osmanisch-türkischen natürlich) in Istanbul schreibt die Vereinigung gemeinsam mit dem Deutschen Werkbund den Architekturwettbewerb aus.

Kaiser Wilhelm II. in türkischer Uniform, Gemälde von Max Fleck, 1916. Bild: Deutsches Generalkonsulat Istanbul

Kaiser Wilhelm II. in türkischer Uniform, Gemälde von Max Fleck, 1916. Bild: Deutsches Generalkonsulat Istanbul

Diese Freundschaft wird für die Ewigkeit in Öl porträtiert: Während des deutschen Kaisers Generäle im Osmanischen Reich Soldaten an die Front schicken, staffiert sich Wilhelm II. in Berlin 1916 mit einer osmanischen Uniform aus und lässt sich von dem Maler Max Fleck in einem großformatigen Ölgemälde porträtieren. Eine „Kostümierung auch als Indiz der Verbrüderung zweier Staaten“ (Fleckner, S. 55): Der Kaiser hat die Insignien seiner Macht abgelegt, den Hermelinmantel, seine Krone und das Zepter, und trägt zur Uniform eine Lammfellmütze, wie man sie auch von einem ikonischen Bild des frühen Atatürks kennt. Das Gemälde war als Geschenk für Freund Sultan Mehmet V. gedacht. Weil die Kriegsgeschehnisse aber eine Übergabe verhinderten, hängt es heute noch im Gebäude der damaligen deutschen Botschaft in Istanbul, dem heutigen deutschen Generalkonsulat. Als Zeichen der andauernden Freundschaft?

Und im folgenden Jahr 1917 begibt man sich auf Kriegsreisen: Der Kaiser fährt nach Konstantinopel. Und ein Pascha ins Ruhrgebiet.

Zum Weiterlesen:
1916 / Osmanisches Reich (Wikipedia, Stand 24.02.2017)
Uwe Fleckner, Martin Warnke, Hendrik Ziegler (Hg.): Handbuch der politischen Ikonographie, Band 1 (C. H. Beck, 2011)
Klaus Kreiser: Deutsch-türkische Gesellschaften von Wilhelm II. bis Konrad Adenauer (PDF, klaus-kreiser.de, Stand 24.02.2017)
Mesopotamienfront (Wikipedia, Stand 24.02.2017)
Osmanisches Reich / Jungtürken und Zweite Verfassungsperiode: 1908 bis 1918 (Wikipedia, Stand 24.02.2017)

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